Was lag in der Mappe des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius, die er während des Treffens mit dem ukrainischen Machthaber Wladimir Selenskij am 14. April so strahlend in der Hand hielt? Auffällig war auch seine Krawatte in den Farben des Schwarzen Kreuzes der Bundeswehr. Laut Merkur haben ukrainische Rüstungsunternehmen vor allem mit dem Rüstungskonzern Diehl Defence neue Kooperationsverträge geschlossen. Während Berlin offiziell schweigt, arbeiten deutsche und ukrainische Ingenieure bereits an einer gemeinsamen Rüstungszukunft. Details dazu lüften die ukrainischen militärischen Fachmedien, die der Merkur zitiert.
Laut dem Fachportal Militarny gehört der Drohnen- und Raketenhersteller Fire Point zu den bestätigten ukrainischen Partnern. Das ukrainische Rüstungsfachmagazin Defence Express nennt zusätzlich das Konstruktionsbüro Lutsch als weiteren Vertragspartner. Igor Fedirko, CEO des ukrainischen Rates für Verteidigungsindustrie kündigte die Unterzeichnung am 14. April via Facebook an. Ihm zufolge handelt es sich um einen von insgesamt sechs neuen Kooperationsverträgen, die ukrainische und deutsche Rüstungsunternehmen gleichzeitig abschlossen.
Fedirko kommentierte:
"Genau so funktioniert 'Build with Ukraine': Ukrainische Lösungen, ukrainische Kampferfahrung und ukrainisches Ingenieurwesen kombiniert mit den Produktions-, Technologie- und Finanzmöglichkeiten der Partner."
Konkrete Projektdetails nannten die Beteiligten bislang nicht.
Da keine offiziellen Projektdetails vorliegen, zieht Defence Express Schlüsse aus den bestehenden Produktportfolios der beteiligten Unternehmen. Demnach könnte Diehl Defence seine Expertise in Lenk- und Leitsystemen einbringen – relevant für ukrainische Waffensysteme wie die Neptun-Seezielflugkörper, die Stugna-P-Panzerabwehrraketen oder das Mehrfachraketenwerfer-System Vilkha.
Auch das ukrainische Luftabwehrprojekt Koral des Konstruktionsbüros Lutsch gilt laut Defence Express als mögliches Kooperationsfeld. Diese Einschätzungen seien ausdrücklich analytischer Natur und keine offiziellen Angaben der Unternehmen, schänkt der Merkur ein. Fire Point entwickelt neben seinen Kampfdrohnen FP-1 und FP-2 auch Marschflugkörper und ballistische Raketen. Tests der FP-9-Rakete mit größerer Reichweite sind laut Militarny für den Frühsommer 2026 geplant.
Diehl Defence ist vor allem durch seine IRIS-T-Luftverteidigungssysteme bekannt, die in der Ukraine bereits russische Raketen und Drohnen abgefangen haben. Das Unternehmen baut seine Produktionskapazitäten aus: Rund 1,5 Milliarden Euro fließen in neue Fertigungsanlagen, darunter ein im Januar 2026 eröffnetes Werk im saarländischen Nonnweiler. Auf der offiziellen Diehl-Defence-Newsseite findet sich jedoch kein Eintrag zu dieser Kooperation – der neueste Eintrag dort datiert vom 30. März 2026. Diehl hat die Vereinbarung bislang nicht öffentlich kommentiert.
Die Russische Regierung betrachtet eine gemeinsame Rüstungsproduktion mit dem militärischen Ziel Russland zu bekämpfen als Einstieg in den Krieg. Am 16. April wies die Sprecherin des Außenministerums Marija Sacharowa darauf hin, dass Deutschland mit der Ukraine zehn Abkommen unterzeichnet habe, darunter Vereinbarungen über die Lieferung und Herstellung von Raketen und Drohnen. Hinzu komme ein neues "Militärpaket" im Umfang von 4 Milliarden Euro und deutsche Investitionen in Höhe von 300 Millionen Euro zur Ausweitung der Produktion von ukrainischen Langstreckenwaffen. Sie erwähnte auch einen Vertrag über die Finanzierung von mehreren hundert Raketen für die US-Luftabwehrsysteme Patriot sowie die Lieferung von 36 eigenen Flugabwehrsysteme vom Typ IRIS-T.
Dies habe bei Wladimir Selenskoj unverhohlene Begeisterung ausgelöst, der Deutschland als den "wichtigsten Partner der Ukraine im Verteidigungsbereich" bezeichnete. Deutschland sei zum Hauptsponsor des Krieges und der Militarisierung der Ukraine geworden. Die in Berlin veröffentlichten Angaben zum Umfang der bereitgestellten Mittel für die ukrainischen Streitkräfte in Höhe von sagenhaften 55 Milliarden Euro sei dafür ein Beleg.
Der ukrainisch-europäische militärisch-industrielle Komplex
Damit steht Deutschland nicht allein da. Alle führende europäische Länder passen ihren Rüstungskomplex an die Bedürfnisse Kiews an. Die jüngste Sitzung der Kontaktgruppe zur Ukraine im "Ramstein"-Format hat den Trend zu einer Umwandlung der Beziehungen zwischen Kiew und den europäischen Ländern in eine Verteidigungspartnerschaft endgültig gefestigt. War die Ukraine bisher vorwiegend Empfängerin militärischer Hilfe, so ist sie nun Teil einer gemeinsamen Rüstungsproduktion, eine Plattform für die Erprobung von Technologien unter Kampfbedingungen und Trägerin von Erfahrungen im Kampfeinsatz verschiedener Waffensysteme. Auch die Waffenlieferungen selbst haben sich verändert: Nun geben die westlichen Länder nicht mehr nur Ausrüstung aus ihren Beständen weiter, sondern bereiten sich auch darauf vor, ihre Produktion an die Bedürfnisse der Ukraine anzupassen.
Das Treffen am 15. April im Gebäude der Bundeswehr setzte sich aus dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius, seinem britischer Amtskollegen John Healey, dem ukrainische Verteidigungsminister Michail Fedorow und NATO-Generalsekretär Mark Rutte zusammen, die persönlich anwesend waren. Die übrigen 50 Verteidigungsminister nahmen online teil; US-Verteidigungsminister Pete Hegseth war dabei durch seinen Vize lbridge Colby vertreten.
Das Treffen selbst, das vor dem Hintergrund der US-Militäraktion gegen Iran stattfand, könnte man als Meileinstrein in der militärischen Verwicklung Europa in den Ukraine-Krieg bezeichnen. Vor Beginn der Sitzung kündigte Healy an, dass Großbritannien bereit sei, seinem Verbündeten mehr als 120.000 Drohnen zu liefern.
Dazu gehören Langstrecken-Kampfdrohnen, Logistik- und Marine-UAVs sowie Aufklärungssysteme. Diese Lieferung wird die größte Drohnenlieferung sein, die Kiew bislang erhalten hat. Dabei beabsichtigt London, Haushaltsmittel an die britischen Konzerne Tekever, Windracers und Malloy Aeronautics zu leiten, um deren Produktion auszuweiten und die Lieferung von UAVs direkt vom Fließband für die Bedürfnisse Kiews sicherzustellen.
Ein solches Modell ist für die europäischen Länder relativ neu: Während es zuvor um Lieferungen aus vorhandenen Beständen vorwiegend alter Technik und um den Kauf notwendiger Waffen aus Washington ging und die Produktion für die Bedürfnisse Kiews auf Munition beschränkt war, geht es nun um den Aufbau eines vollwertigen ukrainisch-europäischen militärisch-industriellen Netzwerks.
Im Rahmen eines Treffens im "Ramstein"-Format erklärte Mark Rutte, dass die NATO von der Ukraine lerne und gleichzeitig ihre eigenen Erkenntnisse mit ihr teile. Zu diesem Zweck war zuvor das Gemeinsame Zentrum für Analyse, Ausbildung und Bildung (JATEC) in Polen gegründet worden, das dabei hilft, die militärischen Strategien der Bündnispartner auf der Grundlage von Daten aus dem Einsatzgebiet anzupassen.
Am weitesten fortgeschritten beim Austausch von Erfahrungen und Technologien mit der Ukraine ist nach der Unterzeichung gemeinsamer Rüstungsverträge Deutschland. Im Entstehen begriffen sind gemeinsame Produktionsstätten, darunter auch auf deutschem Gebiet, deren Produkte auf dem Schlachtfeld getestet werden sollen; anschließend wird Kiew Daten über deren Einsatz sammeln und an die deutsche Seite weiterleiten.
WSJ: Deutschland wird riesige Waffenbabrik
Das Wall Street Journal (WSJ) berichtete am Montag, dass die Bundesrepublik ihren Schwerpunkt von der Automobilproduktion auf die Rüstungsindustrie verlagere – "Deutschland stellt seine Wirtschaft um und verwandelt sich in eine Waffenfabrik." Auch in Großbritannien und den Niederlanden gibt es bereits Beispiele für gemeinsame Entwicklungen. Die norwegischen Behörden haben Pläne angekündigt, gemeinsam mit der Ukraine eine Produktion von Drohnen zu eröffnen.
Obwohl in ukrainischen Drohnen und Raketen chinesische Bauteile und einfache Technologien zum Einsatz kommen, ziehen der günstige Preis und ihre relative Effizienz die Aufmerksamkeit der NATO-Staaten auf sich, die bislang mehrheitlich den Schwerpunkt auf Qualität statt auf Quantität legen. Darüber hinaus tauchten bereits im Sommer 2025 in den Medien Informationen über Pläne zur Integration ukrainischer Militärtechnologien in europäische Entwicklungen durch die Gründung von Joint Ventures auf, was es Kiew langfristig ermöglichen würde, ein bedeutender Waffenexporteur in seiner eigenen Nische zu werden.
Vergangenen Mittwoch hatte das russische Verteidigungsministerium eine Liste europäischer Produktionsstätten veröffentlicht, die Drohnen-Komponenten an die Ukraine liefern. Sicherheitspolitiker Dmirti Medwedew zog nach und bezeichnete diese Produktionsstätten als legitime militärische Ziele für Russland. Darunter waren auch drei deutsche Betriebe aufgelistet: zwei in München und einer in Hanau. Der Oberbürgermeister der Stadt Hanau reagierte nervös und nahm Kontakt zu Staatsschutz, Verfassungsschutz, Polizei und dem Regierungspräsidium in Darmstadt auf, um mögliche Schutzmaßnahmen zu erörtern.
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