Bundeskanzler Friedrich Merz besuchte als bemühtes Zeichen einer funktionierenden Regierungskoalition die SPD-Bundestagsfraktion im Berliner Reichstag. Laut Medienberichten war es der erste Besuch seit seinem Amtsantritt im Mai 2025. Merz hielt nach "freundlicher Begrüßung" der Anwesenden eine Rede im Sitzungssaal der Sozialdemokraten. Der ARD-Tagesschau zufolge galt der Besuch samt Pressetermin, "um die schwarz-roten Wogen zu glätten". Der Spiegel berichtete von einer "Charmeoffensive, nach Wochen des Dauerkrachs". Merz hätte laut Medienzitaten die schwarz-rote Regierungskoalition "zu entschlossenen Anstrengungen für weitere Reformen aufgerufen".
Die Spiegel-Redaktion erkannte einleitend in ihrem Artikel (Bezahlschranke) die Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz "bei seinen Schals gedeckte Töne bevorzugt: dunkelblau, braun, anthrazit", dies als Darlegung zum Gastgeschenk der SPD-Parteispitze an Merz, einen roten Schal mit der weißen Aufschrift "Zusammen ist unsere Stärke". Die ARD-Berichterstattung resümierte, dass es rückblickend "weder Pfiffe noch begeisterte Zugabe-Rufe" seitens der SPD-Abgeordneten gab.
Nach der Begrüßung sprach der Kanzler "hinter verschlossenen Türen" zu den Anwesenden, so die Medienberichte, zum Thema der "wichtigen Verantwortung für die Stabilität der gemeinsamen europäischen Währung" seitens des politischen Berlins. Diesbezüglich wird Merz nach einer Erklärung vor den Hauptstadtjournalisten mit den Worten zitiert:
"Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass die Schulden, die wir machen, nicht zu hoch werden. Ich beobachte hier eine gefährliche Wirkung einer überhöhten Verschuldung auch in Europa."
Der verantwortliche SPD-Finanzminister Lars Klingbeil war dabei gestern nicht anwesend, da er zum G7-Finanzministertreffen nach Paris gereist war.
Der Bundeskanzler forderte gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch die Unionsfraktion wie die SPD-Fraktion vor den Journalisten auf, sich "nicht gegenseitig öffentlich rote Linien aufzuzeigen", um weiter phrasierend zu erklären:
"Wir sind unterschiedliche Parteien, aber uns alle eint das Ziel, miteinander nachzuweisen, dass aus der politischen Mitte unseres Landes heraus Entscheidungen möglich sind, dass Regierung möglich ist".
"Entweder wir haben gemeinsam Erfolg oder wir scheitern zusammen", wird Merz laut Spiegel im Anschluss "von Teilnehmern zitiert". Der Tagesspiegel zitiert eine ungenannte SPD-Stimme, die erklärte, "Friedrich Merz hat mehr Rückhalt bei uns, als bei seinen eigenen Leuten", so ein Bundestagsabgeordneter nach der Fraktionssitzung am Dienstagnachmittag.
Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach dankte Merz demnach wörtlich dafür, "dass dieser eine klare Haltung gegen die AfD zeige". Merz bedankt sich laut Spiegel-Information im Gegenzug für Lauterbachs Arbeit im Wissenschaftsausschuss. "Es mache einen großen Unterschied, wenn jemand den Ausschuss leite, der etwas von der Sache verstehe", erklärte der Kanzler.
Die Veranstaltung diente vor allem dazu, so Medieneinschätzungen, "die Wogen zu glätten", da die Koalition aktuell "in dieser Lage nichts weniger brauchen würde als einen neuen Eklat". Anwesende Sozialdemokraten sahen laut Tagesspiegel "den Kanzlerauftritt positiv", da dieser Teilnehmenden zufolge "konstruktiv, reflektiert, verantwortungsvoll und kompromissbereit gewesen sein soll". Zur Pressekonferenz berichtet die Tagesschau:
"'Selten, dass jemand links von mir steht', scherzt SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Miersch zu dem neben ihm stehenden Bundeskanzler Friedrich Merz. Lautes Lachen. Das Bild, das beide heute abgeben wollen: locker und gelöst – eben frei von Spannungen."
Merz erinnerte vor den Journalisten an den Koalitionsvertrag und dessen Überschrift "Verantwortung für Deutschland", so der Spiegel.
"Das sei der Geist, in dem die Koalition arbeite. Er zählt einige Erfolge auf: Investitionsbooster, Energieentlastungspaket, Mietrechtsnovelle, neuer Wehrdienst. 'Das war ein gutes Jahr für uns', befindet der Kanzler."
Laut "Table Media" stellte sich die Situation im Sitzungssaal folgendermaßen dar: Das, was ein "lockerer Besuch werden sollte, wirkte nach Berichten von Teilnehmern anfangs eher verkrampft. So las Merz seine Rede vom Zettel ab, offenbar sehr auf jedes einzelne Wort bedacht". Anwesende SPD-Politiker berichteten dem Medium im Anschluss, dass es "gleichwohl ein netter Termin gewesen sei".
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