Von Rainer Rupp
Den ersten Teil finden Sie hier.
Aktuell ist Mr. Fuchs Chef der einflussreichen George Soros Open Society Foundation. Unter Präsident Obama hatte er eine Top-Position in der US-Regierung als Deputy Assistant Secretary of State, also als stellvertretender Außenminister, zuständig für Ostasien und den Pazifik.
Der kontroverse Foreign-Affairs-Artikel argumentiert stringent. In ihm schockiert Fuchs die meisten Establishment-Leser bereits beim Einstieg in die Materie, wenn er behauptet, dass der "gescheiterte Krieg gegen Iran den entscheidenden Anstoß für einen längst überfälligen, vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus der Region liefern" müsste. In seinem nachfolgenden Text legt der Autor eine überraschend schonungslose Bilanz der amerikanischen Militärpräsenz in der Region Westasien vor und fordert von Washington einen grundlegenden Kurswechsel.
Obwohl die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten im Nahen Osten engagiert seien, habe erst der Golfkrieg von 1990/91 die militärische Rolle Washingtons dauerhaft zementiert, erinnert der Autor. Was damals als Höhepunkt der amerikanischen Macht nach dem Ende des Kalten Krieges galt – die erfolgreiche Organisation einer breiten internationalen Koalition zur Beendigung der irakischen Invasion Kuwaits unter Saddam Hussein im Jahr 1990 –, habe sich in eine jahrzehntelange, kaum noch hinterfragte Verpflichtung verwandelt.
Aufeinanderfolgende Regierungen, unabhängig von ihrer parteipolitischen Couleur, hätten Zehntausende Soldaten und weiteres Personal in der Region stationiert. Sie seien davon ausgegangen, dass eine ständige Truppenpräsenz den freien Fluss von Energieträgern sichern, Israel unterstützen, terroristische Gruppen bekämpfen und Iran abschrecken könne. Laut Fuchs waren bis zum Beginn des Krieges gegen Iran etwa 2.000 US-Soldaten im Irak, 2.300 in Saudi-Arabien, 3.500 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 4.000 in Jordanien, 8.000 in Bahrain, 10.000 in Katar und 13.000 in Kuwait stationiert. Zusammen befanden sich fast 43.000 Personen in der Region. Die genauen Stärken und Standorte hätten im Laufe der Jahre zwar geschwankt, doch die Gesamtpräsenz sei stets enorm, weitverzweigt und tief in der Region verwurzelt geblieben.
Ein solcher militärischer Fußabdruck könne jedoch selbst für die allmächtige USA zur erheblichen Belastung werden, betonte Fuchs. Denn dadurch seien die Gastländer der US-Militärbasen den Vergeltungsangriffen Irans ausgesetzt worden, der die US-Militärinstallationen und wichtige lokale Infrastrukturobjekte mit Raketensalven ausgelöscht hat. Tatsache sei, dass "die US-Präsenz die lokalen arabischen Verbündeten nicht mehr beschützt, sondern sie zur Zielscheibe für iranische Angriffe gemacht hat".
Zudem hätten die regionalen US-Verbündeten die Vereinigten Staaten immer wieder in ihre eigenen lokalen Konflikte hineingezogen. Mit US-Basen, die über die gesamte Region verstreut seien, blieben Bedrohungen amerikanischer Interessen allgegenwärtig – und jede einzelne dieser Bedrohungen diene den Falken in Washington wiederum als Argument, die US-Präsenz dort noch weiter auszubauen.
Besonders anschaulich werde dies am Beispiel der amerikanischen Besatzung des Irak nach der (völkerrechtswidrigen) US-Invasion von 2003, so Fuchs. Diese habe die US-Streitkräfte nicht nur in einen langen und blutigen Konflikt verstrickt, sondern sie auch für Angriffe von Iran und von Iran-freundlichen Milizen verwundbar gemacht. Die Folge seien Vergeltungsoperationen der USA im Irak, in Syrien und darüber hinaus gewesen.
Gleichzeitig sei der Krieg in Afghanistan nach Pakistan übergeschwappt, wo die Vereinigten Staaten Hunderte Drohnenangriffe gegen Aufständische geführt hätten, die amerikanische Truppen über die Grenze hinweg angriffen.
Nachdem sich Washington 2011 weitgehend aus dem Irak zurückgezogen hatte, seien 2014 erneut US-Truppen entsandt worden, "um den aus dem Chaos der Invasion hervorgegangenen Islamischen Staat (ISIS) zu bekämpfen" (leider versäumt Herr Fuchs, die Patenschaft der CIA bei der Gründung von ISIS zu erwähnen, denn ISIS wurde der Schlüssel, mit dem die US-Armee sich wieder in den Irak hineingewurmt hat, um das geostrategisch wichtige Land wieder unter US-Kontrolle zu bringen als Operationsbasis gegen Syrien und Iran).
Die Kosten dieses militärischen Engagements der USA in der Region seien enorm und durch nichts zu rechtfertigen, unterstrich der Direktor der Open Society Foundations. Die Vereinigten Staaten hätten im Rahmen des sogenannten "Kriegs gegen den Terror" nach dem 11. September 2001 rund acht Billionen Dollar (eine Billion sind 1000 Milliarden) für die Kämpfe in Afghanistan, im Irak und an anderen Schauplätzen ausgegeben. Nach Forschungen der Brown University hätten etwa drei Millionen Amerikaner in diesen Konflikten gedient. Mehr als 15.000 Soldaten und US-Söldner sind laut der Brown University dabei ums Leben gekommen, 1,8 Millionen US-Truppen hätten dabei lebenslange Behinderungen unterschiedlicher Tragweite davongetragen.
Herr Fuchs vergisst zum Glück nicht, auch auf das Leid der Menschen in der Region hinzuweisen, die noch weit schwerere Lasten tragen mussten und deren Folgen immer noch tragen. Mehr als 940.000 Personen seien durch direkte Kriegseinwirkung zu Tode gekommen, darunter 432.000 Zivilisten. Weitere 3,6 Millionen seien an den indirekten Folgen des Staatszerfalls (Hunger, Krankheiten, Bürgerkrieg etc.) in Afghanistan, Irak, Pakistan, Syrien und Jemen zu Tode gekommen. 38 Millionen Menschen seien vertrieben worden. Doch Zahlen allein könnten das menschliche Leid nicht annähernd erfassen, mahnt Fuchs in dem Artikel. Man müsse die Augen der Kinder sehen, die ihre Eltern verloren hätten, die Familien, die ihre Häuser und Existenzen eingebüßt hätten, und eine ganze Generation, der die Chance auf ein normales Leben durch den andauernden Konflikt gestohlen worden sei. Besonders frappierend sei, dass "niemand für die politischen Entscheidungen und Handlungen, die dieses Leid verursacht hatten, zur Verantwortung gezogen wurde".
Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten durch ihre Truppenstationierung direkt zu Gewalt und Unterdrückung durch andere Staaten beigetragen. Die Präsenz amerikanischer Soldaten habe den Impuls Washingtons verstärkt, eng mit repressiven Regierungen zusammenzuarbeiten, die oft eigene regionale Machtinteressen verfolgten. So habe man autokratische Regime wie das in Ägypten gestützt, Saudi-Arabiens Militärkampagne im Jemen aufrechterhalten und die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate im sudanesischen Bürgerkrieg ermöglicht – einem Konflikt, in dem UN-Ermittler Handlungen dokumentiert hätten, die einem Völkermord gleichkämen. Solche Partnerschaften hätten den Volkszorn sowohl gegen die jeweiligen Regierungen als auch direkt gegen die Vereinigten Staaten geschürt.
Besonders eindrücklich zeigt Fuchs die verhängnisvolle Dynamik tiefer Sicherheitsbeziehungen in Kombination mit permanenten US-Militärbasen am Beispiel des Verhältnisses zwischen den USA und Israel. Seit dem Scheitern der Oslo-Verhandlungen in den 1990er-Jahren habe sich die amerikanische Unterstützung in einen faktischen Blankoscheck für eine israelische Regierung nach der anderen verwandelt. Diese Regierungen hätten die Aussichten auf einen Frieden mit den Palästinensern durch eine schleichende Annexion und systematische Unterdrückung im Westjordanland Schritt für Schritt untergraben.
In den vergangenen Jahren habe "diese Rückendeckung Israel ermöglicht, im Gazastreifen Maßnahmen durchzuführen, die eine UN-Untersuchungskommission als Völkermord eingestuft hat" – eine Bewertung, die von mehreren israelischen Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Organisationen geteilt werde. Im Februar 2026 seien die Vereinigten Staaten schließlich noch einen Schritt weiter gegangen und hätten sich Israel in einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Iran angeschlossen, unterstreicht Fuchs, der in diesem Absatz besonders viel Zivilcourage zeigt.
Sowohl demokratische als auch republikanische Präsidenten trügen Verantwortung für den Schaden, den die amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten angerichtet habe, betonte Mr. Fuchs. Diese Präsenz habe die Vereinigten Staaten in schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verwickelt. Washington müsse nun den Kurs korrigieren. Der Abzug der Streitkräfte solle beginnen, sobald ein stabiler Waffenstillstand mit Iran erreicht sei.
Mit Blick in die Zukunft sieht Fuchs die amerikanische Führung vor einer Reihe von Entscheidungen mit weitreichenden und langfristigen Folgen. Dazu gehöre die Frage, ob während des Iran-Kriegs beschädigte US-Basen wiederaufgebaut und neue Waffen an regionale Partner verkauft werden sollten. Einige US-Sicherheits-Experten plädierten laut Berichten des Wall Street Journal bereits "für die Beibehaltung eines kleineren militärischen Fußabdrucks" – und das Pentagon erwäge genau dies, so Fuchs.
Doch ein nur teilweiser Rückzug würde die Vereinigten Staaten weiterhin einem ständigen Risiko in der Region aussetzen, gibt der Autor zu bedenken. Allein in den vergangenen fünf Monaten habe Iran Gebäude und Ausrüstung auf mindestens 15 US-Militärstandorten zerstört oder schwer beschädigt. Selbst wenn die Truppen auf eine oder zwei Basen konzentriert würden, blieben sie ein bevorzugtes Angriffsziel für Iran und dessen Proxys. Erhebliche Ressourcen müssten dann weiterhin für den Schutz der eigenen Kräfte aufgewendet werden. Ohne einen vollständigen Abzug werde sich Washington immer wieder gezwungen sehen, die Unterstützung für das eigene Personal und die Partnerregierungen zu verstärken – und die Vereinigten Staaten würden weiter in neue Konflikte hineingezogen.
Nach Jahrzehnten fast ununterbrochener Kriege im Nahen Osten sei die amerikanische Bevölkerung mittlerweile zutiefst kriegsmüde, stellte Fuchs fest. Eine aktuelle Umfrage des Searchlight Instituts habe ergeben, dass 62 Prozent der Befragten es vorzögen, "sich so weit wie möglich aus Kriegen herauszuhalten", während lediglich 33 Prozent den Einsatz militärischer Gewalt befürworteten, "wenn er dem Land nütze".
Eine ganze Generation von Amerikanern habe nie eine Zeit des Friedens erlebt, so Fuchs. Mehrheiten unter jungen US-Bürgern – darunter mehr als die Hälfte der Republikaner im Alter von 18 bis 44 Jahren – lehnten den Krieg von 2026 gegen Iran ab. Gleichzeitig erinnert Fuchs, dass der Pentagon-Haushalt im Jahr 2026 mit rund einer Billion Dollar ein absolutes Allzeithoch erreiche – und das in einer Zeit, in der die größte Sorge der meisten Amerikaner die Bezahlbarkeit der alltäglichen Lebenshaltungskosten sei. Die Regierung plane zudem für 2027 eine weitere Erhöhung des Pentagon-Budgets um 50 Prozent. Vor diesem Hintergrund werde die Kluft zwischen den Prioritäten der Bevölkerung und denen des Pentagon für eine fortgesetzte Militärpräsenz im Nahen Osten immer offensichtlicher.
Fuchs’ Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Die Vereinigten Staaten müssten die Illusion aufgeben, durch eine permanente militärische Präsenz Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten erzwingen zu können. Der gescheiterte Iran-Krieg biete die Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Nur ein vollständiger Abzug könne verhindern, dass Amerika erneut und erneut in die Konflikte der Region hineingezogen werde "auf Kosten von Blut, Billionen Dollar und der eigenen Glaubwürdigkeit".
Erstaunlich ist, dass diese Fundamentalkritik in Foreign Affairs von dem Direktor der Soros Foundation am US-Imperialismus, in den selbst ernannten Qualitätsmedien des Westens entschlossen ignoriert wurde. Aber wenn man es sich noch einmal überlegt, dann hätte man keine andere Reaktion der westlichen Medien auf das jahrzehntelange Wirken der USA, die über die ganze Region Westasiens nicht als Tod und Verderben gebracht haben. Dazu haben unsere heuchlerischen "Qualitätsmedien", die sich angeblich dem Schutz der Demokratie, der Menschenrechte und der Freiheit verschrieben haben, schon immer beharrlich geschwiegen.
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