Von Kalliopi Sioltsidou
Donald Trump triff nicht immer den richtigen Ton. Wir alle wissen das, dafür ist er bekannt – und er wird für diese "Unkonventionalität" von den einen geliebt, von den anderen verachtet. Der aktuelle Papst war schon in der ersten Trump-Amtszeit nicht eben ein Freund des Präsidenten. Er kritisierte bereits 2018 nachdrücklich die Migrationspolitik Trumps. Und auch dessen Krieg in Iran heißt Papst Leo nicht gut. Das tat er auch deutlich kund, was Trump nicht schmeckt. Seitdem liefern sich die beiden eine verbale Fehde, in die sich mittlerweile auch US-Vizepräsident Vance und Grenzzar Tom Homan eingeschaltet haben. Was ist da passiert?
"Unmenschliches" ICE und Grenzschließungen
Zunächst einmal hatte der Papst nachdrücklich das Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE kritisiert – auch bereits vor seiner Zeit als Papst während der ersten Amtszeit Donald Trumps. Zu dieser Kritik Leos und vieler US-Bischöfe an Trumps Migrationspolitik und dem Vorgehen des ICE nahm nun auch Trumps Grenzzar Tom Homan Stellung. Gegenüber Fox News erklärte er seine Perspektive, die ich sehr bezeichnend finde:
"Ich spreche für mich selbst, als lebenslanger Katholik. Ich sage: Haltet euch aus der Einwanderungspolitik raus. Die haben keine Ahnung, wovon sie reden. Denn wenn sie vierzig Jahre lang in meiner Haut gesteckt hätten und mit einem neunjährigen Mädchen gesprochen hätten, das mehrfach vergewaltigt wurde, oder hinten auf einem Lastwagen und Anhänger gestanden hätten, mit 19 toten illegalen Einwanderern zu meinen Füßen, darunter ein fünfjähriger Junge, der zu Tode gebacken wurde, dann würden sie die Gräueltaten verstehen, die an offenen Grenzen geschehen, und ich glaube, ihre Meinung würde sich ändern. Und ich würde eine Diskussion mit jedem von ihnen begrüßen. Denn sie verstehen es nicht."
Homan ist Pragmatiker. Er urteilt aus der Praxis. Sein Vorwurf an den Papst lautet letztlich: Weltfremdheit. Und da ist, wie wir noch sehen werden, etwas dran. Es ist, würde ich argumentieren, die spezifische religiöse Perspektive, die den Papst zu dieser "Weltfremdheit" führt.
Zweiter Stein des Anstoßes: der Iran-Krieg
Nachdem nun Donald Trump Iran angegriffen hatte, kritisierte Papst Leo diesen Schritt – und noch deutlicher wurde er, als Trump an Ostern und in den Folgetagen ankündigte, die gesamte iranische Zivilisation vernichten zu wollen:
"[Ich] bitte alle Menschen guten Willens, stets nach Frieden und nicht nach Gewalt zu streben und den Krieg abzulehnen – insbesondere einen Krieg, den viele als ungerecht bezeichnet haben, der weiter eskaliert und der nichts löst. […] Wie wir alle wissen, gab es heute auch diese Drohung gegen das gesamte iranische Volk. Und das ist wirklich inakzeptabel! Hier geht es sicherlich um Fragen des Völkerrechts, aber noch mehr ist es eine moralische Frage, die das Wohl des Volkes als Ganzes betrifft."
Ich denke, dem kann man nicht widersprechen. Zumal es schon eine seltsame Geste für einen Präsidenten ist, dessen Kernwählerschaft gläubige Christen sind, wenn man solche Äußerungen auch noch ausgerechnet am Ostersonntag tätigt. Hier offenbart sich, was man an Trumps Biographie ablesen kann: Der US-Präsident ist im Kern kein religiöser Mensch. Dass Ostersonntag war, hat er möglicherweise schlicht nicht auf dem Zettel gehabt. Hätte er aber, angesichts seiner Wählerschaft, vielleicht haben sollen. Und auch unabhängig von Ostern sind solche Drohungen gegen ganze Völker jenseits von Gut und Böse. Entsprechend versteht man, warum sich der Papst, der zu allem Überfluss eben auch noch ein Landsmann Trumps ist, bemüßigt fühlte, Stellung zu nehmen.
Das passte Trump natürlich nicht. Er setzte daraufhin am 13. April einen epischen Truth-Social-Post ab. Darin erklärt er unter anderem, der Papst befürworte, dass der Iran eine Atombombe habe, noch dazu sei er politisch inkompetent und solle sich auf das Papstsein konzentrieren:
"Papst Leo ist SCHWACH im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Außenpolitik. […] Ich will keinen Papst, der es für in Ordnung hält, dass der Iran Atomwaffen besitzt. Ich will keinen Papst, der es schrecklich findet, dass Amerika Venezuela angegriffen hat – ein Land, das riesige Mengen an Drogen in die Vereinigten Staaten schickte und, schlimmer noch, seine Gefängnisse leerte, einschließlich Mörder, Drogendealer und Killer, und sie in unser Land schickte. Und ich will keinen Papst, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten kritisiert, weil ich genau das tue, wozu ich mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde: die Kriminalitätsrate auf einen Rekordtiefstand zu senken und den besten Aktienmarkt der Geschichte zu schaffen. […] Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großartiger Papst zu sein, statt ein Politiker."
Der Post enthielt zudem noch eine Fülle an Trumpismen, die wir hier aussparen wollen und uns stattdessen auf das Wesentliche fokussieren. Ohnehin könnte man dazu natürlich viel sagen. Zum Beispiel, dass Trump natürlich das Recht hat, den Papst zu kritisieren, dass aber dieser Ton nun beileibe nicht der angemessene ist. Und dass er gerade damit seiner eigenen Bewegung schadet. Auf all das möchte ich aber hier gar nicht hinaus.
Das Politische und das Religiöse – verschiedene Perspektiven
Vielmehr denke ich, in dieser Auseinandersetzung zwischen einem religiösen und einem weltlichen Oberhaupt zeigt sich ein wichtiger Punkt, dem bislang zu wenig Beachtung geschenkt wurde: Das Religiöse und das Politische sind zwei verschiedene Sphären.
Genau, wird ein Trump-Verteidiger nun vielleicht sagen, darum soll sich der Papst da raushalten! Aber das greift eben zu kurz. Denn der Papst hat sich ja eigentlich nicht politisch geäußert, auch wenn das in den Mainstream-Medien, die prinzipiell alles politisieren wollen, natürlich auch überall so dargestellt wurde: Seht her, der Papst findet Trump auch blöd!
Nein, Papst Leo hat aus Sicht der Kirche gesprochen. Die Sache ist ja die: Die Domäne der Kirche und die der Politik unterscheiden sich nicht so sehr im Gegenstand. Sie unterscheiden sich in der Perspektive auf den Gegenstand. Und darum haben in diesem Konflikt irgendwie beide Seiten recht – und unrecht.
Zwei Perspektiven, die einander ergänzen und mäßigen sollten
Trumps Ostereskapaden gegen Iran, die Tatsache, dass er sich in dieses Abenteuer überhaupt hat hineinschwatzen lassen, und seine Stilisierung zum Jesus sind etwas, das auch viele Nicht-Christen als unsäglich empfunden haben. Und es ist natürlich richtig, dass sich der Papst dazu äußert. Zunächst einmal, weil Frieden und Nächstenliebe nun mal Kernideen des Christentums sind. Es ist die Aufgabe der Kirche, an diesen Stellen zu mahnen.
Und genau das hat Leo getan. Er hat nicht etwa von strategischen Erwägungen, Siegeschancen oder verschwendeten Staatsgeldern gesprochen – sondern von dem Schutz und der Würde des menschlichen Lebens und der Wahrung des Friedens. Aus ebenderselben Perspektive warnt er auch vor einem "Allmachtswahn", der den Krieg Israels und der USA in Iran anfeuere. Und er betont, dass Gott keinen Krieg segne. Aus genau dieser religiösen Perspektive kritisiert er auch die Migrationspolitik der USA.
Ja, vielleicht mag man da theologisch auch anders argumentieren, das ist aber eine Frage für sich. Die Argumente des Papstes sind trotzdem keine politischen Stellungnahmen.
Dann ist da natürlich auch die andere Seite: Wenn die Kirche sich, um nur ein, zwei Beispiele zu nennen, an zweifelhaften "Seenotrettungsmissionen" auf dem Mittelmeer beteiligt oder illegalen Migranten dabei hilft, dem ICE zu entkommen, dann ist das irgendwie zwar auch religiös begründbar. Es ist aber auch etwas, was direkt mit der politischen Sphäre konfligiert. Und dort zeigt sich dann auch das, was Maximilian Köckritz in seinem Kommentar in der Berliner Zeitung so charmant überschreibt mit "Wenn der Vatikan zur NGO wird". Und natürlich hat Homan mit seinen klaren Worten recht: Sie verstehen es nicht. Das Allzumenschelnde ist vielleicht sympathisch und moralisch wertvoll, aber es geht manchmal an der Lebensrealität schlicht vorbei.
Was aber bedeutet das nun? Hat etwa der Papst recht, und Trump macht alles falsch? Oder umgekehrt? Leider ist die Welt, für gewöhnlich und auch in diesem Fall, zu komplex für die einfachen Wahrheiten, die viele gerne hören möchten.
Religion und Politik haben unterschiedliche Perspektiven auf die Welt: Die Religion schaut auf das, was Gott nach den Prinzipien, die uns überliefert sind, gebietet. Politik schaut im Wesentlichen, was praktisch möglich und strategisch geboten ist, um die optimale Funktion der Gesellschaft, über die die jeweilige politische Struktur gebietet, zu gewährleisten. Dass das miteinander konfligiert, ist unvermeidbar.
Aber das ist auch nicht schlimm. Vielmehr sollte man beide Sphären als einander ergänzend betrachten: Religion soll mahnen, wo weltliche Herrschaft über die Stränge schlägt. Umgekehrt muss die Politik allzu starkem Eindringen der Kirche in praktische politische Belange Einhalt gebieten. So ist es etwa eine Sache, wenn sich die katholische Kirche in Europa darum bemüht, illegalen Migranten, die schon hier sind, hilft, in Würde zu leben, bis die politischen Amtsträger über ihren Verbleib entschieden haben. Und es ist etwas anderes, wenn sie direkt "Rettungsmissionen" finanziert, die ambitionierte Noch-nicht-Migranten in Absprache mit Schleppern in die EU eskortieren.
Insofern können wir aus dem Streit zwischen Trump und Papst Leo vielleicht vor allem dieses lernen: Ein Konflikt zwischen der politischen und der geistlichen Sphäre ist nicht nur unvermeidlich, sondern in gewisser Weise auch nützlich. Nur wäre dabei etwas mehr verbale Mäßigung wünschenswert, als der US-Präsident sie an den Tag legt.
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