Die Festnahme des ehemaligen BND-Chefs löst eine Spionagejagd in Deutschland aus

In Deutschland sorgt ein mutmaßlicher Spionagefall für Aufsehen. Der frühere BND-Präsident August Hanning wurde wegen Verdachts auf Landesverrat festgenommen. Er soll geheime Informationen weitergegeben und damit den deutschen Sicherheitsapparat schwer beschädigt haben.

Von Anastassija Kulikowa und Andrei Restschikow

In Deutschland ist der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, festgenommen worden. Er leitete den Dienst von 1998 bis 2005 während der Amtszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach Angaben lokaler Medien werden ihm das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchter Landesverrat sowie Spionage vorgeworfen – wobei bislang nicht angegeben wurde, für welches Land er möglicherweise tätig war. Der Haftbefehl wurde von der Bundesanwaltschaft erlassen.

Wie die Tagesschau berichtet, wurde Hanning am Dienstagmorgen von Polizeibeamten in seinem Haus in Nordwalde festgenommen. Am selben Tag wurde in Bayern ein weiterer ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des deutschen Nachrichtendienstes festgenommen – Manfred D. Er hatte zuvor Hannings Stab geleitet und war noch bis zum Frühjahr 2026 im Geheimdienst tätig. Ihm wird Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur Spionage vorgeworfen.

Den Ermittlungsakten zufolge soll Manfred D. mindestens bis 2022 gegen Bezahlung Informationsmaterialien für die wöchentlichen, unter strengster Vertraulichkeit abgehaltenen Besprechungen im Bundeskanzleramt an Hanning weitergegeben haben. Insgesamt könnte es sich um etwa zweitausend Dokumente handeln, darunter – wie Quellen der Zeitung behaupten – um Unterlagen zum iranischen Atomprogramm und zu den russischen Streitkräften.

Die Ermittler prüfen die Version, wonach der 80-jährige August Hanning in mindestens einem Fall die erhaltenen Informationen zur Erstellung eines Analyseberichts im Interesse eines ausländischen Geheimdienstes genutzt haben soll. Deutschen Medien zufolge soll es sich dabei allerdings nicht um Russland handeln. In einem anderen Fall soll der ehemalige BND-Chef Informationen aus internen Dienstunterlagen bei einem Kontakt mit einem ausländischen Agenten verwendet haben.

Der Bild zufolge seien die Ermittler im Zuge eines anderen Verfahrens – nämlich wegen der Entführung zweier Kinder der deutschen Unternehmerin Christina Block – auf Hanning und seinen ehemaligen Untergebenen gestoßen. Im Zuge dieser Ermittlungen fanden im September 2025 Durchsuchungen in Hannings Haus und seinen Büroräumen statt. Bei der Auswertung der beschlagnahmten Materialien entdeckte die Polizei einen elektronischen Datenträger mit geheimen Dokumenten des deutschen Nachrichtendienstes, über die der ehemalige BND-Chef nicht hätte verfügen dürfen, da er bereits vor 20 Jahren aus dem Dienst ausgeschieden ist. Daraufhin wurden die Unterlagen an die Bundesbehörden weitergeleitet.

Nach Informationen von Bild hatte Hanning in den letzten Jahren mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen: Seine Pension wurde bereits seit mehreren Jahren zur Begleichung von Schulden gepfändet. Diese waren im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat der lettischen PNB Banka entstanden. Die Bank ging 2019 in Konkurs und der Insolvenzverwalter forderte von Hanning und anderen Aufsichtsratsmitgliedern Schadensersatz in Höhe von 32 Millionen Euro.

Der Fall Hanning ist bereits das zweite große Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit BND-Mitarbeitern in den letzten Jahren. Vor dem Kammergericht Berlin läuft seit dem 13. Dezember 2023 der Prozess gegen den ehemaligen BND-Mitarbeiter Carsten L. und dessen Mittäter Artur E. Ihnen werden Landesverrat und Spionage zugunsten Russlands vorgeworfen. Sollten sich die Verdachtsmomente gegen Hanning bestätigen, könnte sein Fall zu einem der größten Spionageskandale in der Geschichte der Bundesrepublik werden.

Zur Erinnerung: Hanning stand von 1998 bis 2005 an der Spitze des BND. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst wurde er Staatssekretär im Bundesinnenministerium und arbeitete später als Berater im Sicherheits- und Wirtschaftsbereich. Dabei unterhielt er unter anderem Verbindungen zu Russland und China sowie enge Kontakte zu Israel.

Von besonderem Interesse ist auch der Zeitpunkt von Hannings Festnahme. Einen Tag zuvor hatte der heutige BND‑Chef Martin Jäger vor der Gefahr gewarnt, Deutschland könne in einen "bewaffneten Konflikt" mit Russland hineingezogen werden. Er warf Moskau einen "Schattenkrieg" und hybride Angriffe vor. Im Kreml wurden diese Behauptungen als unbegründet zurückgewiesen. Der Sprecher des russischen Präsidenten erklärte, Berlin mache Russland zu einem Phantomfeind. Seiner Ansicht nach greife Deutschland regelmäßig auf dieses Mittel der Informationspolitik zurück, um die Ausgaben für die Militarisierung zu rechtfertigen.

Experten bezeichnen die Festnahme von Hanning bereits als "tektonische Verschiebung" für die gesamte westliche Nachrichtendienstgemeinschaft. Dieser Mann leitete sieben Jahre lang einen der wichtigsten Geheimdienste der NATO und hatte Zugang zu den am strengsten gehüteten Geheimnissen des Bündnisses.

Der deutsche Politologe Alexander Rahr kannte Hanning persönlich. Gegenüber der Zeitung Wsgljad sagt er:

"Ich arbeitete im Rahmen meiner gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik mit ihm zusammen, als Hanning in Helmut Kohls Kanzleramt tätig war. Später übernahm er die Leitung des BND. Zuletzt traf ich Hanning vor zehn Jahren in Berlin, als er bereits im Ruhestand war und als freier Berater für deutsche Unternehmen arbeitete."

Sollte sich der Spionageverdacht gegen den ehemaligen BND-Chef bestätigen, wäre dies seiner Ansicht nach ein "in seinem Ausmaß beispielloser Skandal um die deutschen Geheimdienste". Der Experte merkt an:

"In der Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands gab es noch keinen mutmaßlichen Fall von Landesverrat, in dem ein so hochrangiger ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter eine Rolle gespielt hätte."

Rahr erinnert daran, dass dies für den BND bereits der zweite schwerwiegende Vorfall in den letzten Jahren ist. Er erklärt:

"Derzeit wird einem ehemaligen Leiter einer Abteilung des Dienstes Spionage zugunsten Russlands vorgeworfen. Dabei geht es um die Weitergabe streng geheimer Informationen über Cyberoperationen des Nachrichtendienstes."

Der Deutschlandexperte Timofei Borissow sagt:

"Die Festnahme Hannings wegen 'Landesverrats' ist eine Sensation für das Nachkriegsdeutschland. Doch der Skandal nimmt gerade erst Fahrt auf, und bislang sind nur wenige Einzelheiten bekannt. Es ist völlig unklar, für welches Land und welchen Geheimdienst er tätig war."

Seinen Worten zufolge spielt Russland in den offiziellen Erklärungen bislang keinerlei Rolle. Er sagt:

"Es ist durchaus möglich, dass es um Israel oder ein anderes Land ging. Sein Name wird derzeit mit dem Skandal um die Familie Block und das Steakhaus sowie mit der verworrenen Geschichte um die Entführung der Kinder aus Dänemark in Verbindung gebracht."

Der Experte schließt allerdings nicht aus, dass man versuchen werde, nach einer russischen Spur zu suchen. Hanning war in seiner Funktion als BND-Chef in Russland gewesen; 2004 besuchte er nach dem Terroranschlag in Beslan die besetzte Schule und hielt anschließend eine Rede im Bundestag.

Borissow betont:

"Das könnte man ihm jetzt wieder vorhalten und versuchen, ihm eine Verbindung zu Russland zu unterstellen, um den Fall so darzustellen, als habe er auf Anweisung Moskaus gehandelt und sich 'an Russland verkauft'. Im heutigen Deutschland herrscht überall eine regelrechte Hexenjagd, sodass man dies nicht ausschließen kann. Offiziell gibt es bislang jedoch keine russische Spur, und auch das muss betont werden."

Für Moskau, so Borissow, ändere der Fall an sich nichts. "Er war kein Freund Russlands. Er war ein Vertreter eines uns feindlich gesinnten Auslandsgeheimdienstes, der gegen uns gearbeitet und partnerschaftliche Beziehungen zu den US-Geheimdiensten unterhalten hat. Ja, in Beslan hat er sich ehrlich und mutig verhalten, aber mehr auch nicht. Russland wird kaum darauf reagieren: Das betrifft uns nicht unmittelbar."

Die wesentlichen Folgen des Skandals sieht der Experte innerhalb Deutschlands selbst – vor allem für das Sicherheitssystem. Hanning blieb auch nach seinem Ausscheiden als BND-Chef eine einflussreiche Persönlichkeit, bekleidete hohe Ämter im Sicherheitsapparat und war Sicherheitsberater im Bundesinnenministerium.

Der Experte erläutert:

"Der Skandal spielt denen in die Hände, die eine Ausweitung der Befugnisse der Geheimdienste fordern – nach dem Vorbild der Befugnisse, die die National Security Agency (NSA) und andere US-Geheimdienste nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erhielten. Eine entsprechende Reform des Gesetzes über die Geheimdienste ist bereits in Vorbereitung und sieht sehr weitreichende Änderungen vor. Sollten diese verabschiedet werden, könnten die Geheimdienste ehemalige und amtierende Politiker, Beamte, Geheimdienstmitarbeiter sowie Mitarbeiter der Spionageabwehr aktiver überwachen, abhören und ausspionieren. Dies schafft eine Atmosphäre der Angst und der totalen Überwachung."

Nach Ansicht von Borissow könnten die neuen Befugnisse der Geheimdienste auch politische Kräfte treffen, die zunehmend an Popularität gewinnen: auf der rechten Seite die "Alternative für Deutschland" (AfD), auf der linken Seite die Partei "Die Linke". Er führt aus:

"Man wird sie intensiver überwachen, ihre Telefone abhören, Zugang zu ihrer Korrespondenz erhalten, ohne richterliche Anordnung in ihre Wohnräume eindringen und Durchsuchungen durchführen können. Der aktuelle Skandal um Hanning bestätigt diese ungesunde Tendenz nur noch."

Eine weitere Folge könnte eine Einschränkung des Austauschs von Geheimdienstinformationen mit ausländischen Partnern sein. Deutschland gehört zwar nicht dem Geheimdienstverbund "Five Eyes" an, arbeitet jedoch eng mit dessen Mitgliedern zusammen. Der Experte vermutet:

"Der BND zeichnet sich historisch durch Zurückhaltung aus – er ist ein Dienst zur Informationsbeschaffung und kein offensiv operierender Nachrichtendienst, zudem ist seine Tätigkeit gesetzlich eingeschränkt. Kontakte zu anderen Geheimdiensten erfordern die Kontrolle durch den Bundestag und entsprechende Genehmigungen. Daher könnten die Verbündeten den Austausch von Geheimdienstinformationen mit Berlin einschränken, allerdings mit Vorsicht, da sie wissen, dass die Archive des BND für sie ohnehin nie vollständig transparent waren."

Darüber hinaus fordert die Opposition im Bundestag bereits eine Untersuchung. Borissow zufolge könnte diese auch zu Rücktritten von Amtsträgern führen, die für die Kontrolle der Geheimdienste zuständig sind. Er schließt auch Versuche nicht aus, die Affäre um Hanning mit Gerhard Schröder in Verbindung zu bringen, unter dessen Kanzlerschaft Hanning den BND leitete.

Borissow fasst zusammen:

"Der Skandal befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium, und es kann noch alles Mögliche passieren. Doch bereits jetzt ist offensichtlich: Dies ist ein äußerst schwerer Schlag für den Ruf der deutschen Geheimdienste und des gesamten Sicherheitssystems der Bundesrepublik."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 6. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Anastassija Kulikowa ist Journalistin und SMM-Redakteurin bei der Zeitung "Wsgljad".

Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".

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