Jahrzehntelang war Hans Jucker ein Liebling des Schweizer Publikums. Mit seinen Sprüchen, seinem unverwechselbaren Humor und 46 Jahren vor der Kamera wurde er zur Kultfigur des Schweizer Fernsehens.
Doch hinter der beliebten Fernsehpersönlichkeit verbarg sich eine Vergangenheit, die heute ein völlig anderes Licht auf den Sportkommentator wirft. Im Jahr 1971 wurde Jucker wegen sexueller Handlungen mit Jugendlichen zu acht Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Nun steht auch sein früherer Arbeitgeber SRF unter Erklärungsdruck.
Laut übereinstimmenden Medienberichten von heute Morgen waren mindestens fünf junge Männer von den sexuellen Übergriffen betroffen. Einer war jünger als 16 Jahre, vier weitere hatten das damals geltende Volljährigkeitsalter von 20 Jahren noch nicht erreicht. Innerhalb von rund zwei Jahren soll Jucker etwa 20 sexuelle Übergriffe auf Burschen begangen haben. Jucker lud die Jugendlichen demnach in seine Wohnung ein oder fuhr mit ihnen in abgelegene Waldstücke. Dort kam es zu sexuellen Handlungen.
Wie wenig Einsicht Jucker damals zeigte, verdeutlichen seine im Urteil wiedergegebenen Aussagen. Obwohl er die Vorwürfe zugab, sah er keinen großen Schaden. Alles sei "halb so schlimm" gewesen. Über die betroffenen jungen Männer sagte er: Die Burschen sind ohnehin schon "moralisch angeschlagen."
Wenn Opfer schweigen und niemand zuhört
Auch Jahrzehnte später kommen weitere schwere Vorwürfe ans Licht. Willi Fegble, heute 71 Jahre alt, schildert in seiner Biografie "Ich bin ein Unfall" eine Begegnung mit Jucker.
Als 15-Jähriger sei er nach dem Sport in einer Dusche sexuell bedrängt worden. Jucker kannte er aus dem Umfeld des Heims Albisbrunn, in dem sein Vater als Koch arbeitete.
Fegble sprach damals mit niemandem über das Erlebte. Als Heimkind habe er ohnehin nicht damit gerechnet, dass ihm jemand glauben würde. Von der Verurteilung Juckers im Jahr 1971 erfuhr er erst Jahrzehnte später während der Recherchen für das Buch.
Wie viele Opfer schwiegen damals aus Angst, Scham oder weil sie glaubten, gegen einen gefeierten Star des Schweizer Fernsehens ohnehin keine Chance zu haben?
Wusste das Schweizer Fernsehen schon 1971 Bescheid?
Drei Zeitzeugen berichten, dass die Verurteilung bereits im Jahr 1971 beim Schweizer Fernsehen bekannt gewesen sei. SRF widerspricht dieser Darstellung und erklärt, erst vor wenigen Wochen davon erfahren zu haben.
Die Aussagen der Zeitzeugen werfen ein neues Licht auf den damaligen Umgang des Schweizer Fernsehens mit Jucker. Die Verurteilung soll bereits 1971 intern bekannt gewesen sein. Dennoch setzte er seine Karriere über Jahrzehnte fort und blieb eine gefeierte TV-Persönlichkeit. Damit rückt auch die Verantwortung der damaligen SRF-Verantwortlichen in den Mittelpunkt.
Ob damals Hinweise oder Beschwerden bei den Verantwortlichen eingingen und wie SRF intern damit umging, ist bislang nicht geklärt. Die widersprüchlichen Angaben zur damaligen Informationslage werfen einen Schatten auf den früheren Arbeitgeber.
Ob SRF damals lieber wegschaute, während Jucker seine Fernsehkarriere ungehindert fortsetzte, bleibt offen. Heute verschwinden zumindest seine Clips aus dem Netz. Für die Opfer kommt diese späte Reaktion reichlich spät.
SRF löscht Juckers Erinnerungsstücke
Der gebührenfinanzierte Sender reagiert inzwischen mit ersten Maßnahmen. SRF hat Highlight-Clips mit dem früheren Sportkommentator von den eigenen Plattformen und Drittplattformen entfernen lassen. Ausgerechnet jene Videos, in denen Juckers Sprüche, Lachanfälle und Versprecher einst gefeiert wurden, sollen nun aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden.
Reguläre Archivbeiträge, etwa Zusammenfassungen von Sportereignissen und kommentierte Wettkämpfe, bleiben hingegen zugänglich.
SRF erklärt, die vorhandenen Informationen sowie den damaligen Umgang mit dem Fall als Arbeitgeberin sorgfältig prüfen zu wollen. Wegen des großen zeitlichen Abstands werde die Aufarbeitung einige Zeit beanspruchen. Eine externe Untersuchung soll zusätzliche Klarheit schaffen.
Hans Jucker begann im Jahr 1965 beim Schweizer Fernsehen und verabschiedete sich Anfang 2011 nach fast 46 Jahren in den Ruhestand. Wenige Wochen später, am 19. Februar 2011, starb er im Alter von 65 Jahren. Mit seinem eigenwilligen Kommentarstil und Sprüchen wie "die schiss Ponys" hatte er sich längst einen festen Platz im Schweizer Fernsehgedächtnis gesichert.
Nun bleibt von der einstigen TV-Ikone ein anderes Bild zurück. Der gebührenfinanzierte Sender entfernt seine einst gefeierten Clips, während die Aufarbeitung der damaligen Vorgänge noch aussteht. Für die Opfer kommt diese späte Aufmerksamkeit Jahrzehnte nach den Ereignissen. Und SRF steht vor dem unangenehmen Widerspruch, dass sein einstiger Publikumsliebling offenbar schon im Jahr 1971 verurteilt wurde, seine Fernsehkarriere aber ungehindert weiterging.
Für einen Sender, der sich gerne auf seine gesellschaftliche Verantwortung beruft, ist das ein denkbar unangenehmes Kapitel seiner eigenen Geschichte. Die Videos lassen sich löschen. Die Vergangenheit nicht.
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