
Lukaschenko bremst Armeniens EU-Euphorie: "Wohin mit dem Cognac?"

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko hat Armenien aufgefordert, einen möglichen Austritt aus der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) sowie eine Annäherung an die Europäische Union nicht zu überstürzen. Jerewan solle zunächst klären, ob seine wichtigsten Exportprodukte auf dem EU-Markt tatsächlich Abnehmer finden und ob sich die bisherigen Absatzmengen ersetzen lassen. Lukaschenko sagte bei einem Treffen mit den Leitern der Regierungsdelegationen der EAWU-Staaten:

"Wenn du dich für den Beitritt zur Europäischen Union entschieden hast – warum hast du es denn so eilig? Kläre genau, wohin dein Cognac, dein Gemüse und dein Obst verkauft werden. In welchen Mengen? Kannst du das ersetzen, was du heute bei uns verkaufst?"
Besonders die Absatzmöglichkeiten für armenischen Cognac stellte der weißrussische Präsident infrage:
"Wenn du dich davon überzeugt hast, dass Frankreich deinen Cognac kauft – es weiß selbst nicht, wohin mit seinem, aber deinen wird es kaufen –, dann gut, geh. Warum rennst du? Warum spannst du den Karren vor das Pferd? (...) Du solltest nichts vorschnell wegwerfen, was dir heute noch nützt. Du solltest diesen gemeinsamen Markt nicht verlassen."
Hinter diesen Äußerungen steht die außen- und wirtschaftspolitische Neuorientierung Armeniens. Im Dezember 2025 verabschiedeten die EU und Armenien eine neue Strategische Agenda für ihre Partnerschaft. Diese sieht unter anderem eine intensivierte wirtschaftliche Zusammenarbeit, eine Diversifizierung des Handels und eine weitere Angleichung an EU-Regeln vor.
Jerewan arbeitet zudem auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft hin. Im Jahr 2026 erklärte Ministerpräsident Nikol Paschinjan, dass Armenien diesen Prozess weiterverfolgen wolle. Zugleich ist das Land weiterhin Mitglied der EAWU. Im August 2026 sagte Paschinjan, Armenien sei sich bewusst, dass eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der EAWU und der EU nicht möglich sei.
Damit stellt sich für Armenien auch die Frage, wie die bisherigen Handelsbeziehungen zur EAWU ersetzt werden könnten. Russland ist dabei ein wichtiger Absatzmarkt. Nach Angaben von Kommersant entfielen im Jahr 2024 fast 24 Prozent der gesamten armenischen Exporte auf Russland. Besonders bedeutend war der russische Markt demnach für armenische Cognac-Erzeugnisse.
Zugleich haben sich die Handelsbeziehungen zwischen Moskau und Jerewan zuletzt verschärft. So verhängte Russland seit Ende Mai 2026 schrittweise Einfuhrbeschränkungen für verschiedene armenische Waren. Betroffen waren unter anderem Blumen, Gemüse, Obst, Trockenfrüchte sowie bestimmte alkoholische Erzeugnisse und Mineralwasser.
Zudem setzte der russische Verbraucherschutzdienst Rospotrebnadsor den Verkauf von Cognac und Wein dreier armenischer Hersteller aus und begründete dies mit Verstößen gegen verbindliche Anforderungen. Beim Import von Obst und Gemüse verwiesen die russischen Behörden dagegen auf Verstöße gegen phytosanitäre Vorschriften. Der russische Landwirtschaftsaufsichtsdienst erklärte, die Beschränkungen könnten aufgehoben werden, wenn armenische Lieferanten die veterinär- und pflanzenschutzrechtlichen Anforderungen der EAWU erfüllen.
Im Juni stellte die EU zunächst 34 Millionen Euro bereit, um die Folgen der russischen Handelsbeschränkungen für den armenischen Privatsektor abzufedern. Diese Unterstützung ist Teil eines insgesamt 52 Millionen Euro umfassenden Pakets. Auch bei den Handelsbedingungen kam Brüssel Jerewan entgegen. So beschloss der EU-Rat im September 2026 vorübergehende Handelserleichterungen für rund 80 Prozent der armenischen Exporte in die EU. Die Regelung gilt für zwei Jahre. Sie umfasst Waren, die bisher fast 99 Prozent der armenischen Exporte von frischem Obst, Gemüse und Pflanzen nach Russland ausmachten. Bei Getränken und Spirituosen lag der entsprechende Anteil bei mehr als 91 Prozent.
Damit eröffnen sich für Armenien zusätzliche Möglichkeiten auf dem europäischen Markt. Zugleich bleiben praktische Fragen bestehen. So berichtete die Financial Times im Juni, dass die geplanten EU-Handelserleichterungen rund 20 Produktkategorien mit einem jährlichen Exportwert von etwa 420 Millionen Euro betreffen könnten. Als mögliche Probleme nannte die Zeitung unter anderem die Logistik beim Export verderblicher Waren sowie die Konkurrenz zwischen armenischem Brandy und französischen Cognac-Herstellern.
Die Neuorientierung birgt für Jerewan zudem weitere wirtschaftliche Risiken im Verhältnis zu Russland. Laut dem Kommersant betrifft dies unter anderem Vereinbarungen über die Lieferung von Erdgas, Erdölprodukten und Rohdiamanten. Russland stellte eine mögliche Aussetzung oder Kündigung dieser Vereinbarungen in Aussicht. Armenische Behörden erklärten allerdings, die Darstellung der entsprechenden russischen Schreiben in den Medien sei teilweise deutlich schärfer als deren tatsächlicher Inhalt.
Damit stellt sich für Armenien nicht nur eine politische, sondern auch eine konkrete wirtschaftliche Frage: In welchem Umfang lassen sich die bisherigen Absatzmärkte innerhalb der EAWU durch den europäischen Markt ersetzen?
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