
Der Traum von Doktor Lisa – Moskau eröffnet Krankenhaus für Kinder aus dem Donbass

Von Marina Achmedowa
Ich war heute bei der Eröffnung des "Hauses der Barmherzigkeit", eines Projekts der Ärztin und Wohltäterin Jelisaweta Glinka, Doktor Lisa. Hier werden kranke Kinder während ihrer Behandlung in Moskau zusammen mit ihren Familien wohnen. Es sind Kinder, die verletzt wurden, oder Kinder, die an schweren Krankheiten leiden.
Für mich begann die Geschichte dieses Hauses bereits im Jahr 2014. Doktor Lisa träumte von einem kleinen Haus für Obdachlose. Sie wandte sich an die Moskauer Regierung und erklärte, warum ein solches Häuschen nötig sei – darin könnten Obdachlose, die keine planmäßige Behandlung erhalten, sich ausruhen, ihre letzten Tage verbringen, medizinische Hilfe und Linderung erfahren. Und für dieses Projekt stellte die Stadtregierung Jelisaweta Glinka ein passendes Gebäude zur Verfügung – ein kleines gelbes Häuschen innerhalb eines Krankenhauskomplexes im Zentrum von Moskau.

Doch dann begann der Krieg. Manche weigerten sich in jenem Jahr 2014, von diesem Krieg Notiz zu nehmen, manche sagten, der Donbass sei eine interne Angelegenheit der Ukraine. Aber Doktor Lisa sah sich einem Dilemma gegenüber – sollte sie beginnen, Obdachlose aufzunehmen, wie sie es sich erträumt hatte, oder das Haus für verwundete und kranke Kinder aus dem Donbass zur Verfügung stellen? Ein schwieriges Dilemma – eine Wahl zwischen der Erfüllung eines Traums und Tadel.
Sie entschied sich für die Kinder, und dafür wandten sich diejenigen von ihr ab, die sie zuvor vergöttert hatten. Man warf ihr Völkermord an ukrainischen Kindern vor – weil sie sie behandelte. Man sagte ihr, die Ukraine werde das schon selbst regeln, und überhaupt habe sich Doktor Lisa nicht wie eine Liberale verhalten. Ich weiß nicht mehr, wie sie selbst all das kommentierte, aber ich erinnere mich an ihren letzten Kommentar, den sie unter einem meiner Beiträge aus dem Donbass hinterlassen hat – ebenfalls über Kinder und deren Leiden. "Marina, das Leben ist ein Bumerang", schrieb sie.

Im Jahr 2016 wurde Lisa aus dem Leben gerissen (sie starb beim Absturz eines Flugzeugs des Verteidigungsministeriums in der Nähe von Sotschi, mit dem sie nach Syrien unterwegs war – Anm. d. Red.). Dieses gelbe Häuschen nahm jedoch weiterhin Kinder auf, nun unter der Leitung von Olga Jurjewna Demitschewa, einem Mitglied unseres Menschenrechtsrats. Das Krankenhaus, in dessen Innenhof es stand, wurde renoviert, und 2018 streiften Olga Jurjewna und ich durch den verfallenden Innenhof, betraten die sterbenden, leeren Gebäude, deren Wände bereits vom Schimmel zerfressen waren.
Wir suchten nach einem neuen Standort für Lisas Häuschen – damit ihr Traum weiterlebt. Damit es ein solches Häuschen für jene Benachteiligten gibt, die nirgendwo hingehen können. Das gelbe Häuschen für Kinder wirkte seltsam inmitten der Trostlosigkeit der Renovierungsarbeiten, und ich, Mitglied des Kuratoriums der Hilfsorganisation "Doktor Lisa", dachte: Wie schlimm, wie ungerecht ist es, dass Kinder aus Donezk und Lugansk aus ihrer eigenen Trümmerwelt in diese Trümmerwelt kommen, die sich im Zentrum des pulsierenden Moskaus gebildet hat?
Nun hat Moskau endlich ein anderes Zuhause für diese Kinder gefunden. Es ist kein kleines Häuschen mehr, sondern ein großes Backsteinhaus in der Gastello-Straße, in dem früher ein Militärkrankenhaus und später eine Entbindungsklinik untergebracht waren. Moskau hat es renoviert und mit modernen Möbeln ausgestattet. Die Familien, die mit ihren Kindern zur Behandlung kommen, haben schöne, geräumige Zimmer.
Heute bin ich durch dieses Haus gegangen und habe an Lisa gedacht. Sie hatte recht, als sie sich für die Kinder entschied. Sie hat sich 2014 so verhalten, wie es jeder Moskauer Intellektuelle hätte tun müssen – sie hat den Donbass unterstützt. Damals nannte man uns Marginale, aber die Zeit hat alles zurechtgerückt. Lisa hat sich 2014 nicht nur für den Donbass entschieden, sie hat gezeigt, dass Kinder immer an erster Stelle stehen müssen.
Am Eröffnungstag begrüßte am Eingang ihr Porträt die Besucher. Ich glaube, dass ihr Traum heute wahr geworden ist. Und vielleicht können diese Kinder, die in diesem großen Backsteinhaus wohnen und behandelt werden, in Zukunft selbst Häuser für Ausgestoßene bauen, und Lisas anderer Traum, der von einer letzten Zuflucht für Obdachlose, wird sich viele Male erfüllen.
Übersetzt aus dem Russischen.
Marina Achmedowa ist Chefredakteurin des Nachrichtenportals Regnum, Schriftstellerin, Journalistin und Mitglied des russischen Menschenrechtsrats.
Mehr zum Thema – "Er verfluchte seine Mörder nicht" – Der qualvolle Tod von Priester Wladimir Schutow
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.
