Meinung

Entdeckung Amerikas führte zum grausamsten Völkermord

Am 12. Oktober 1492 erreichte die Expedition von Christoph Kolumbus San Salvador im Bahamas-Archipel. Das Ereignis gilt als Datum der Entdeckung Amerikas. Nie zuvor war der Preis geografischer Entdeckungen so hoch – gemessen in Menschenleben.
Entdeckung Amerikas führte zum grausamsten Völkermord

Von Oleg Jassinski

Der 12. Oktober ist ein besonderes Datum in der Geschichte der Menschheit und der westlichen Zivilisation. Erst die Entdeckung und Plünderung des amerikanischen Kontinents ermöglichten den europäischen Imperien ihre rasche Industrialisierung und den Übergang zum Kapitalismus.

Imperien hörten nie auf, Imperien zu sein. Mit der Zeit lernten sie lediglich, ihre Interessen effizienter und mit hybrideren Methoden zu verteidigen, und an die Stelle von Gold und Silber in der Prioritätenliste traten Öl und Lithium. Die Invasionen der Konquistadoren und der Marineinfanterie in ungehorsame Länder wurden erfolgreich durch die Finanzierung oppositioneller Medien und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen ersetzt. Zeitungen wurden wirkungsvoller als Panzer, und Fernsehbildschirme zerstörerischer als Raketen.

Als man die Welt daran gewöhnte, die "Entdeckung Amerikas" zu feiern, wurde bewusst ausgeblendet, dass auf dem Kontinent, der noch nicht wusste, dass er Amerika war, bereits vor der Ankunft der Karavellen von Kolumbus Millionen Menschen lebten, die ihre eigenen Zivilisationen aufgebaut hatten. Für ihre Nachkommen ist jede Rede von der "Entdeckung Amerikas" ein Synonym für Ignoranz und Rassismus, und der Kontinent, der tatsächlich von Seefahrern entdeckt wurde, ist die Antarktis.

In seinem Tagebuch der "Entdeckung" schrieb Kolumbus die Wörter "Gott" und "unser Herr" 51-mal, das Wort "Gold" hingegen 139-mal.

Mit Feuer und Schwert wurden die "Wilden" in das Paradies der "westlichen Zivilisation" getrieben, das für sie zur Hölle wurde. Mit den Indigenen konnte man umgehen wie mit wilden Tieren, da die katholische Kirche ihnen noch lange Zeit keine Seele zugestand. In einer kleinen Kirche im Norden Chiles befindet sich ein Fresko aus jener Zeit, das die Kreuzigung Jesu darstellt und von einem indianischen Künstler gemalt wurde. Jesus ist darauf als Indianer dargestellt, während die Römer die Rüstungen spanischer Konquistadoren tragen.

Der Eintrittspreis für die "Zivilisation" betrug für die Ureinwohner Dutzende Millionen Menschenleben. Selbst die vorsichtigsten Historiker gehen davon aus, dass von den rund 100 Millionen Ureinwohnern Amerikas, die zum Zeitpunkt der "Entdeckung" auf dem Kontinent lebten, ein Jahrhundert später noch etwa 40 Millionen übrig waren. Andere behaupten, vor der Ankunft der Karavellen von Kolumbus hätten in Amerika 70 Millionen Indigene gelebt, hundert Jahre später dagegen nur noch dreieinhalb Millionen. Wieder andere sind überzeugt, dass in den ersten 130 Jahren der Conquista mindestens 95 Prozent der amerikanischen Ureinwohner vernichtet wurden. Unabhängig davon, welche dieser Schätzungen zutrifft, steht eines außer Frage: Die Menschheit kennt keinen größeren Völkermord.

Bekanntlich wurden anstelle der Indigenen, die ausgerottet wurden, afrikanische Sklaven nach Amerika gebracht. Von den 60 Millionen Schwarzafrikanern, die Sklavenhändler in die Laderäume ihrer Schiffe pferchten, erreichten lediglich zehn Millionen lebend den Bestimmungsort.

Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano beschrieb diesen historischen Moment so:

"1492 entdeckten die Einheimischen, dass sie Indianer waren,
entdeckten, dass sie in Amerika lebten,
entdeckten, dass sie offenbar nackt waren,
entdeckten, dass es die Sünde gab,
entdeckten, dass sie einem König und einer Königin aus einer anderen Welt gehorchen mussten,
und einem Gott aus einem anderen Himmel,
und dass dieser Gott Schuld und Kleidung erfunden hatte
und befohlen hatte, diejenigen lebendig zu verbrennen,
die den Mond und die Sonne,
die Erde und den erquickenden Regen verehrten …"

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 12. Oktober 2026 auf der Webseite der Zeitung Wsgljad erschienen.

Oleg Jassinski ist ein aus der Ukraine stammender Journalist und Lateinamerika-Experte. Er schreibt für RT Español sowie unabhängige lateinamerikanische Medien wie Pressenza.com und Desinformemonos.org. Man kann ihm auch auf seinem Telegram-Kanal folgen.

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