
Proteste in Frankreich: Sie werden zu nichts führen

Von Olga Andrejewa
Frankreich, das auf seine Große Revolution im Jahr 1789 stolz ist und darauf, die erste Demokratie Europas zu sein, hält bis heute das Gebot seiner Helden hoch: "Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!" Ebenso wahrt es die vor 200 Jahren errungene Demokratie. Nur hat diese Demokratie unter der Regierung Macrons aus irgendeinem Grund in letzter Zeit aufgehört, Frankreich zu respektieren.
Heute gehen in Dutzenden französischen Städten nicht Arbeitslose und auch nicht die "Gelbwesten" auf die Straße, sondern Schüler. Wir, die wir daran gewöhnt sind, Frankreich als das reichste Zentrum der Weltkultur und -zivilisation zu betrachten, können uns die Gründe, die französische Schüler dazu bewegen, auf die Straße zu gehen, kaum vorstellen. Diese Gründe sind jedoch konkret und alles andere als harmlos.

Alles begann am 21. September mit einem Streik der Lehrkräfte des Lycée Saint-Exupéry in einem Vorort von Paris. In diesem Schulgebäude ist das Dach undicht, bei den meisten Fenstern fehlen schon lange die Scheiben, die Toiletten funktionieren nicht. Es fehlt akut an Lehrern, erkrankte Lehrkräfte können nicht ersetzt werden, es gibt weder Verwaltungs- noch medizinisches Personal. Leider sieht der europäische "Garten Eden" nun genau so aus. Am nächsten Tag schlossen sich die Schüler dem Protest der Lehrer an und blockierten den Eingang zur Schule. Das Bildungsministerium schickte daraufhin dringend zusätzliches Personal und stellte finanzielle Mittel bereit. Doch inzwischen loderte das Feuer der Empörung bereits im ganzen Land.
Zu dem undichten Dach in einem Pariser Vorort kamen Berichte über erschreckende Zustände an Schulen aus ganz Frankreich hinzu. "Auf den von Schülern und Lehrern aufgenommenen Videos sind undichte Stellen, herumlaufende Ratten, Löcher in Wänden und Decken, kaputte Toiletten sowie fehlende Stühle und Tische zu sehen, sodass Lehrer sie von einem Klassenzimmer ins andere tragen müssen. Einige Kinder berichteten, sie hätten in Klassenräumen lernen müssen, in denen Wasser in Eimer tropfte, oder sie hätten ihre Schulbänke verschieben müssen, um nicht nass zu werden. Während der starken Hitze im Mai und Juni vergangenen Jahres lagen die Temperaturen in vielen Klassenzimmern bei über 35 Grad Celsius", beschrieb die britische Zeitung The Guardian die Situation. Nach Einschätzung der Zeitung müsste Frankreich Milliarden Euro in sein Bildungssystem investieren – und zwar nur, damit dieses System nicht endgültig zusammenbricht.
Nicht nur arme Kinder aus den Vororten sind auf die Straße gegangen. Auch Schüler von Eliteschulen schließen sich den Protesten an. Bei ihnen tropft zwar kein Wasser vom Dach, doch das macht es für sie nicht leichter. "Wir sehen unsere Zukunft nicht in einem positiven Licht", sagen sie unisono. Bildung, so die Protestierenden, vermittle keine wirklichen Kenntnisse mehr und eröffne keine Perspektive auf ein würdiges Leben. Stattdessen sei sie zu einem sinnlosen Wettlauf um Punkte und Rankings geworden. Eine aktuelle Umfrage des französischen Meinungsforschungsinstituts Ipsos/BVA zeigt, dass dieses Problem die gesamte Bevölkerung des Landes betrifft. Es geht um ein systemisches Misstrauen gegenüber der politischen Führung insgesamt. Das Bildungswesen ist nur ein Spiegel, in dem sich der gesamte Schmerz der französischen Gesellschaft widerspiegelt. Insgesamt 78 Prozent der Franzosen zwischen 18 und 29 Jahren sind der Ansicht, dass sich die heutigen Politiker nicht um ihre Zukunft kümmern, 82 Prozent meinen, die politische Klasse sei zu weit von den realen Problemen entfernt, und 76 Prozent sind besorgt über die Lage Frankreichs insgesamt. Fast vier von fünf jungen Menschen haben zumindest einmal darüber nachgedacht, ihre Zukunft außerhalb des Landes aufzubauen. Genau das bringen die Demonstranten lautstark zum Ausdruck. Auf ihren Plakaten steht: "Entschuldigt die Unruhen, wir versuchen, unsere Zukunft zu retten", "Wir sind nicht schlecht, wir wollen einfach nur gehört werden", "Gebt Geld für Bildung aus und nicht für den Waffenkauf".
Bereits Ende September waren mehr als tausend Bildungseinrichtungen in Dutzenden Städten Frankreichs von Protesten erfasst. Den Lehrern und Oberstufenschülern schlossen sich Studenten, Eltern und schließlich auch Gewerkschaften an. Bis Mitte Oktober hatten bereits vier Wellen organisierter Proteste stattgefunden. Zehntausende Demonstranten, Barrikaden, gesperrte Straßen, blockierte Bildungseinrichtungen – aufseiten der Protestierenden. Brutale Methoden zur Unterdrückung der Proteste, Blendgranaten, Wasserwerfer, Tränengas – aufseiten der in allen Städten mobilisierten Polizei.
Inzwischen berichten die französischen Behörden von mehr als sechstausend Festgenommenen und Hunderten von Kindern, die Verletzungen und Verstümmelungen erlitten haben. Schockierende Videos, auf denen Polizisten eine unbewaffnete Menge von Jugendlichen verprügeln, werden täglich weltweit ausgestrahlt. Ein 15-jähriger Junge, der seine Hand verlor, nachdem er eine Polizeigranate aufgehoben hatte, wurde zu einer Art symbolischem Opfer der Proteste. Rund 500 Gymnasien wurden geschlossen, 24 niedergebrannt und geplündert. Von insgesamt 3.700 Schulen waren bereits 735 von Ausschreitungen betroffen. Selbst für Frankreich, wo Proteste nichts Ungewöhnliches sind, ist das zu viel.
Mehrere Länder forderten Paris bereits auf, das Gemetzel zu beenden. Sogar Iran. Noch vor wenigen Monaten hatte Paris Teheran wegen der brutalen Unterdrückung der proamerikanischen Opposition kritisiert. Nun richtete Iran eine entsprechende diplomatische Note an den Élysée-Palast. Man könnte dies als eine neue Form des internationalen Trollings bezeichnen, doch im Grunde sprach Teheran lediglich aus, was alle denken: Frankreich, das die ganze Welt 200 Jahre lang Humanismus lehrte, sollte diese Lehre auch selbst beherrschen – gegen die eigenen Kinder darf man keinen Krieg führen.
Trotz der internationalen Resonanz sind die französischen Behörden offenbar nicht in der Lage, einen echten Dialog mit den Protestierenden aufzunehmen. Premierminister Sébastien Lecornu ordnete bislang lediglich die Abschaffung einer symbolischen Schulgebühr an. Bildungsminister Édouard Geffray wiederum rief die Schüler zu "interner Demokratie" und einer "konstruktiven Formulierung ihrer Forderungen" auf. Angesichts der aktuellen Probleme klingt das natürlich lächerlich.
Unterdessen zeigt der Aufstand der Schüler, den inzwischen bereits viele mit den Studentenprotesten im selben Frankreich im Jahr 1968 vergleichen, bislang keine Anzeichen, nachzulassen. Wie schon 1968 handelt es sich um eine schwere Krise der Gesellschaft, die den Glauben an die Zukunft verloren hat – und daran, dass die heutige französische Führung diese überhaupt gewährleisten kann.
Genau diese Führung ist für alle heutigen Probleme verantwortlich. Seit Emmanuel Macron an die Macht kam, wurden die Mittel für das Bildungswesen um 20 Prozent gekürzt. Das Ergebnis dieser Politik liegt auf der Hand. "Das staatliche Bildungssystem befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Es fehlt dort buchstäblich an allem", stellt Sophie Vénétitay, Chefin der französischen Lehrergewerkschaft, fest. Gleichzeitig stellte Paris der Ukraine seit Februar 2022 26 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld hätte gerade ausgereicht, um die Schulen zu sanieren.
Nicht zufällig gehen zusammen mit den Kindern auch Erwachsene mit klaren Antikriegsforderungen auf die Straßen französischer Städte. Auf den Transparenten der Protestierenden ist häufig der Slogan "Russland ist nicht unser Feind" zu lesen. Doch die Regierung hört nur das, was sie hören will. Für die Unruhen macht man in Frankreich derzeit den Linken Jean-Luc Mélenchon, einen führenden Politiker von La France insoumise (zu Deutsch: "unbeugsames Frankreich"), verantwortlich. Doch es liegt nicht nur an den Linken.
Tatsache ist, dass die Empörung der Schüler, Studenten und Lehrer allem Anschein nach völlig berechtigt ist. Die Tragik der aktuellen Proteste besteht jedoch darin, dass die jungen Menschen sich umsonst opfern. Die Forderungen der Demonstranten kann der Élysée-Palast schlichtweg nicht erfüllen. Das französische Haushaltsdefizit beträgt 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), und die Staatsverschuldung nähert sich 120 Prozent des BIP. Im kommenden Jahr will die Regierung das Defizit senken. Doch die Hilfe für die Ukraine und die Verteidigungsausgaben werden in gleicher Höhe bestehen bleiben. Woher soll dann das Geld für die Bedienung der Staatsschulden und andere Staatsausgaben kommen? Natürlich aus dem Sozialbereich – also eben aus dem Bildungswesen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. Oktober 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
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Olga Andrejewa ist eine russische Journalistin.
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